Die Windbergbahn

Während gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Freiherrlich von Burgker Steinkohlenwerke ihre Fördermengen ständig erhöhten, ging in den Schächten der Hänichener Steinkohlenbau Verein AG der Abbau zurück und fand 1906 sein Ende. Damit verbunden war der Verlust von Arbeitsplätzen und die drohende Gefahr der Abwanderung der Bevölkerung. Auf dem Abschnitt vom Marienschacht bis Hänichen verlor die Kohlenzweigbahn ihren Bestimmungszweck. Deshalb reichte bereits 1891 ein Komitee mit Vertretern der Gemeinden Hänichen und Rippien mit dem Possendorfer Bürgermeister Sommerschuh an der Spitze bei der Landesregierung eine Petition ein, in der sie den Erhalt der Bahn und die Einrichtung des öffentlichen Personen- und Güterverkehrs erbaten. Die Bahn sollte neue Industrie anziehen. 1903 wurde ein Kostenvoranschlag vorgelegt, der die Verlängerung der Strecke bis Possendorf vorsah. 1905 passte man den Kostenvoranschlag an die sich aus der neuen Bau- und Betriebsordnung für Eisenbahnen ergebenden Forderungen an. Im Dezember des gleichen Jahres stimmte der Sächsische Landtag dem Bau der Bahn Gittersee - Hänichen - Possendorf (G.H.P.) zu. Ein rentabler Betrieb wurde von Anfang an nicht erwartet. Jedoch versprach man sich eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in der Region südlich von Dresden. Die Geburt der Windbergbahn war somit beschlossen. Erst im September 1907 erfolgten die ersten Bauarbeiten. Die Gleise wurden mit Schienen des Profils V/Va versehen, 17 Weichen auf verschiedenen Bahnhöfen eingebaut, neue Wölbschleusen gebaut, die Telegrafenleitung von der Wagenwechselstelle (Station 77) bis Hänichen verlängert, neue Hochbauten errichtet und neue Verkehrsanlagen geschaffen.

<b>Postkarte mit einer Ansicht von Gittersee um 1908 und Semmeringbahn-Zug mit VII T-Lok in Höhe Elektrizitätswerk</b><br /><i>Archiv Windbergbahn e.V.</i> Vorfristig bereits am 21. Dezember 1907 konnte der Eröffnungszug von Dresden Hbf nach Hänichen-Goldene Höhe fahren. Der 1,1 km lange Neubauabschnitt bis Possendorf wurde am 30. September 1908 feierlich eröffnet. Schon in den ersten Betriebstagen war ein reger Zuspruch durch Reisende zu verzeichnen. In der Woche nutzten vorwiegend Berufspendler die Bahn zwischen Dresden Hbf und Possendorf und an den Wochenenden nahm der Ausflugsverkehr seinen Aufschwung. Die entlang der Strecke neu entstandenen Garten- und Ausflugslokale lockten mit Sängerwettstreiten, Skattournieren, Frühschoppen mit Blasmusik, Vereinsfesten u.a. die Gäste und zahlreiche Wandervereine warben für die Bahn. Bekanntestes Ausflugslokal war die Gaststätte "Goldene Höhe". In den talwärts fahrenden Wochenendzügen wurden sackweise im Bf Hänichen-Goldene Höhe aufgegebene Ansichtskarten mitgenommen.

Anfangs mußten die bergwärtigen Züge bis Kleinnaundorf mit zwei Loks der Gattung H VII T bespannt werden. Es zeigte sich aber, daß die 20 Jahre alten Loks den Anforderungen nicht gewachsen waren. Daraufhin lieferte die Sächsische Maschinenfabrik Chemnitz (vormals Richard Hartmann) ab 1910 insgesamt 18 "Windberglokomotiven" der Gattung I TV. Aufgrund der komplizierten Antriebs- und Steuergestänge verpassten die Personale der späteren Baureihe 980 die Beinamen "Kreuzspinne" und "Heuwender". Abgeleitet von der als "Heddeln" bezeichneten Bewegung älterer Nähmaschinen mit Langschiffchen erhielten die sächsischen Lokomotiven der Bauart Meyer den Spitznamen "Heddel". Als auf der Windbergbahn die Meyer-Loks der Gattung I TV eingesetzt wurden, entstand so im Volksmund der Kosename "Possendorfer Heddel", der noch heute vielen geläufig ist.

<b>Ein typischer Personenzug der Windbergbahn ab 1912 bestehend aus Lok BR 98.0, Packwagen und drei Windberg-Aussichtswagen kurz vor dem Haltepunkt Boderitz-Cunnersdorf zeigt diese Aufnahme von 1936.</b><br /><i>Foto: Archiv Windbergbahn e.V.</i> Für die Beförderung der großen Zahl an Ausflüglern kamen zweiachsige Wagen III. und IV. Klasse zum Einsatz. Weil wegen des geringen Komforts (z.B. durch sehr schmale Fenster) ein Rückgang der Reisenden festzustellen war, schrieben die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen 1909/10 vier speziell für die Windbergbahn neu zu entwickelnde Reisezugwagen aus. Die 1912 von der Maschinen- & Waggonbaufabrik Bautzen (ehemals Busch) gelieferten "Windberg-Aussichtswagen" prägten das Bild der Reisezüge bis zur Einstellung des Personenverkehrs. Die Wagen zeichneten sich durch ein geräumiges Großraumabteil mit großen Fenstern und überdachten Einstiegsplattformen (Perrons) mit geschlossenen Stirnseiten und Sitzbank aus. Das letzte Exemplar befindet sich im Eigentum des Windbergbahn e.V. und ist noch heute unterwegs. Das gestiegene Güterverkehrsaufkommen erforderte in einigen Bahnhöfen neue Anlagen, bis etwa 1930 erfolgte der Umbau des Streckenoberbaus auf die Schienenform S 33. Anfang der 1930er Jahre hatte die Windbergbahn speziell im Ausflugsverkehr ihre zweite Blütezeit. Da die 1930 eingerichtete Omnibuslinie Dresden–Possendorf nur 15 min schneller war, aber lediglich Direktreisenden Vorteile brachte, hielt sich der Rückgang der Berufspendler in Grenzen. Erst 1936 wurden die Zugzahlen stark reduziert und die Züge verkürzt. Nach dem II. Weltkrieg hatten die Menschen zunächst andere Sorgen, die Windbergbahn diente ausschließlich dem Berufsverkehr. Erst allmählich entwickelte sich wieder der Ausflugsverkehr. Das Zugangebot war jedoch spärlich. Nachtzüge und Vergnügungsfahrten gab es nicht mehr. Am 19. April 1951 endete trotz Protest der Gemeinden der Verkehr auf der Strecke zwischen Kleinnaundorf und Possendorf. Man liest in verschiedenen Quellen als Begründung, daß das Oberbaumaterial für den Bau des Berliner Außenrings (BAR) benötigt wurde [1, S. 158] [2, S. 10] [3, S. 153] [10, S. 127]. Der Einbau der auf der Windbergbahn verwendeten Schienen S 33 im BAR erscheint aber wenig plausibel. Eher wurden diese als Ersatz auf Strecken verbaut, die zuvor infolge von Reparationen an die Sowjetunion abgebaut wurden.

Trotz der eingerichteten Buslinien mit kürzerer Fahrzeit und mehr Bedienungen benutzten nach 1951 die meisten Berufspendler von Neubannewitz, Kleinnaundorf und Dresden-Gittersee weiter die Bahn. Der im Zusammenhang mit dem 1955 begonnenen Steinkohlenabbau in der Schachtanlage Gittersee [13, S. 14] angewachsene Güterverkehr und die ab 1956 durchgeführten Transporte zur Uranaufbereitungsanlage (Erzwäsche) Dresden-Coschütz veranlaßten die DR dazu, am 9. November 1957 den Personenverkehr auf der Windbergbahn einzustellen. Der Zug P 2478 von Dresden Hbf nach Kleinnaundorf mit Lok 98 005 war der letzte planmäßige Reisezug.


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